Brief von jenseits des Meeres

Neu Orlins 23/11 1846

Der unten wiedergegebene Brief stellt für mich ein sehr wertvolles Dokument zur pfälzischen Auswanderungsgeschichte dar und wurde deshalb in der Originalfassung belassen. Hätte man Hand angelegt und Orthographie und Grammatik der heutigen Zeit auch nur behutsam angeglichen, wäre der ganze Zauber einer lebendigen Quelle verloren gegangen.
Allein schon die Verwendung des Zeitwortes "sich heimern" (= Heimweh haben), die in unseren Ohren so befremdlich vertraut klingt, ist ein kleines Sprachdenkmal und unbedingt erhaltenswürdig.
Bemerkenswert: Der letzte Abschnitt des Schriftstückes ist in griechischer Transkription verfasst, um die "Ältern" von den Interna der Jüngeren auszuschließen!
Der pfälzische Herkunftsort des Schreibers ließ sich leider nicht genau ermitteln. Letzter Stand der Vermutungen: Der Brief stammt von einem Alsterweilerer, dessen Mutter eine gebürtige St. Martinerin ist.

K. K.


Liebe und werthe Ältern ! Geschwister ! und Angehörige !

Mein erster Brief hat den Inhalt, daß ich von Cincinädi
nach Orlins als Kelner - auf ein Dampfbod gehe, allein
durch Abreden und Überlegen, ging ich nicht als Kelner -,
sondern als Paceseschir1 auf das Bod, so fuhren wir auf
dem Ohio und Misisibi-Fluß von Cincinädi nach Orlins,
als wir den halben Weg zurück gelegt hatten; litten wir
Schiffbruch. Da hat es aber geraucht, da fühlen eim2 die
Todtsünde ein. Allein der liebe Gott verläßt kein
Deutschen nicht, das Bod ist auf ein Sandbank kommen
und wir sind mit unsern Kofert auf dem Buckel als durchs
Wasser dem obern Stock zu gestrampelt.

Dann ist uns ein anderes Dampfbod zu hülfe kommen,
und hat uns von da bis Orlins gebracht. In Orlins
traf ich viele bekannte, Minfelder, Alsterweilere3 und
St. Martiner, auch Platze-Jergl4 kam zu mir in
meine Werkstadt, dieser brachte mir viele auch gute
Nachrichte von Euch liebe Ältere und Geschwister !
nämlich Er sagt mir, daß unsere liebe Muter wieder
ganz gesund ist, und Ihr Euch alle wohl befinden.
Als ich dieses vernommen hatte war ich ein ganz
anderer Mensch, ich war voller Freud, daß unsere
liebe Muter wieder gesund ist, denn es war mir
sehr angelegen, immer hat es mich geheimert
weil ich so leichtsinnig von unsern kranken Muter
weg ging, immer machte ich mir Vorwürfe.
Nunn will Euch der liebe Gott gesund erhalten
noch mehre Jahre, auf daß ich Euch wieder sehe mit
Euern grauen Hahren.

Bei den Anslinger hab ich erfahren, daß Fritz
Ziegler im ersten Jahr als er hier war, in einer
Zuckerfabrick gestorben ist, so auch der Anslinger der
mit Ziegler hieher ist, dem Joseph Volkert5 sein Sohn
ist auch gestorben. Unsere deutsche Leute waren alle und
sind zum Theil noch krank. Ich bin Gott lob so zimlich
gesund. Ja denn währen[d]dem als ich den Franz Jung
aufsuchte, wurde Jakob Heiter dem Bürgermeister6
von St. Martin sein Tochtermann mit einem Messer ins
Kreuz gestochen, so, daß Er vier Wochen nicht arbeiten
konnte. Ich arbeite bei einem Kiefer aufs Stück7, ich
mache den Tag sechs halbömige Fäßger8, da stell
ich mich per tag auf ein Thaler, es lernt sich aber
alle Tag besser ein ausgelernter macht zwölfen
per tag, allein ich muste mir auch Geschir9 kaufen,
und das Geschir kostet sehr viel, ich habe schon für
sechs Thaler, und habe erst drei Schneidemesser. man
darf nicht so viel reißen wie man sich in Deutschland
vorstelt, man muß froh sein wenn man Arbeit hat.
Wer nach Amerika will, der muß für sich selbst unter-
nehmen, man kann keinem rathen, wer draußen Mangel
hat und kann hierher komme, der thut besser, Nothabene10
wenn ER gesund bleibt, denn hier in Amerika braucht
keiner Mangel leiten. Aber wer nicht sein Leben
draußen machen kann; der soll drauß bleiben.-

Und Ihr Brüder, bleibet nur bei unsere lieben Ältern!
und Freundeszürkel, bis ich Euch begehre, oder bis
ich zu Euch komme. [Schriftwechsel: griechische Buchstaben]
den[n] im[m]er seid ich hier bin hab ich bald
das Scheisen bald das Kotzen und wie man's frist
scheis mans wiederause ganz. Ich kome in einer
Pasenten Zeit wieder zu Euch
Der Peter soll's Bibuse heiraten u[n]d du Nikla könst
ja die Sara heiraten und da könt der Vater sein
Sach doch veräusern wenn Er will. Ich bleib nicht
lang in Amerika wie ich wieder Geld hab wird los
gebrent, das Wilems Christan soll bei seinem Vater
bleiben, wen es schon ein Theuer gab is es komt auch
wieder bes[s]er
[Ende d. griech. Buchstaben]

Griechische Buchstaben: Schriftprobe

Es grüßt Euch Herzlich Kindlich und Brüderlich
Euer treuer Sohn und Bruder

Martin Müller

Ich kann niemand nennen
sonst amend vergesse ich Jemand,
das könnt eine Beleidigung
geben, so seid Ihr alle
mit gemeind

Grüßet mir die ganze Freundschaft !
und wer nach mir fragt.
Jetzt schreibt mir bald Euere Meinung und schreibt
mir auch ob Ihr einen Brief nach Cincinädi
geschickt habt, meine Adresse ist

An Martin Müller in Neu Orlins.



Anmerkungen:
  1. Passagier
  2. fielen einem
  3. Alsterweiler ist ein Ortsteil von Maikammer, in dem viele "Ex-St. Martiner" zu finden waren.
  4. Volkert ist ein Familienname, der sich auch in Maikammer/Alsterweiler lokalisieren lässt.
  5. Georg Platz
  6. Gemeint ist Valentin Schneider, Bäcker und Besitzer der Gastwirtschaft Zum Goldenen Wolf. Er war in St. Martin Bürgermeister von 1838 bis März 1846. Seine Tochter Caroline heiratete einen Jakob Heiter aus Herxheimweyher.
  7. Im Stücklohn
  8. Fässer mit ca. 54 l Inhalt
  9. Werkzeug
  10. nota bene

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