'Badische Presse', 23.10.1922

Dankbesuch der Karlsruher in der Pfalz

Das Jahr 1922 war eine schwere Zeit für die von Frankreich besetzte Pfalz. Die Inflation schaukelte sich von Gipfel zu Gipfel, während gleichzeitig der Separatismus sich zu formieren begann.
Um den Anschluss an das "Restreich" nicht zu verlieren, suchte man Kontakte jenseits des Rheines – und fand durch die Hilfe Lina Sommers schließlich Freunde und Partner im Karlsruher Verkehrsverein.

Die überraschende Einladung, im Rahmen der "Karlsruher Herbstwoche" mit einem Festwagen am "Alemannisch-Pfälzischen Sonntag" teilzunehmen, erging im August 1922 an den hiesigen Pfälzerwald-Verein.
Das war freilich etwas spät, und die Weinlese stand vor der Türe...

Doch das Angebot aus Karlsruhe brachte die St. Martiner total aus dem Häuschen. Die Vereine beendeten ihren betulichen Partikularismus; es bildete sich eine pragmatische Allianz aus PWV, Verkehrsverein, Winzerverein, Weinbauverein und Gemeinderat, der - "trotz der teuren Zeiten" - einen größeren Zuschuss sofort bewilligte.

Richard Platz, das dörfliche Multitalent, griff diesmal ganz besonders tief in seine Trickkiste, um ein Thema für den Festwagen zu kreieren. "Der Werdegang des Weines", lautete es schließlich, und in wenigen Wochen war das 23 m lange Gespann, bestückt mit Kropsburg en miniature, Traubenmühle, Kelter und Kalebstraube  * , vollendet.
Für den Tross aber hatte er sich was ganz besonderes einfallen lassen: In einer humoristischen Einlage sollten "die Folgen des Weines" drastisch veranschaulicht werden.

Das "Karlsruher Fieber" griff schließlich um sich und führte im Dorf zu pandemischen Zuständen.

Am Tag der Entscheidung, 24. September 1922, wurden selbst Hochwürden um Ihre wohlverdiente Ruhe gebracht, denn als brave Katholiken wollten die Mademer Schlachtenbummler auf ihren Sonntagsgottesdienst natürlich nicht verzichten. So war an diesem Tag bereits um 04:45 Uhr Heilige Messe.
Etwa 400 (!) St. Martiner waren es dann, die in Edenkoben den Sonderzug nach Karlsruhe bestiegen.

Bei so viel Eifer und Engagement konnte der Erfolg nicht ausbleiben. Die St. Martiner Schöpfung hinterließ auf dem Festzug einen so tiefen Eindruck, dass Richard Platz schon wenige Tage später einen Brief des Karlsruher Verkehrsdirektors in Händen hielt:

"Der Alemannisch-Pfälzische Sonntag in Karlsruhe war ein Volkstag, wie ihn Karlsruhe lange nicht mehr gesehen hat. Er war ein weiterer Prüfstein dafür, dass die Stammesbrüder rechts und links des Rheins trotz aller Nöte zusammenstehen, wenn es gilt, für die deutsche Heimat, für deutsche Kultur und deutsche Volkswirtschaft einzustehen. Er war aber auch ein erfreuliches Zeichen dafür, dass besonders die Pfälzer das freundnachbarliche Verhältnis mit dem Badnerlande weiter auszubauen wünschen. Unter diesem Gesichtspunkte und als äußeres Zeichen der Dankbarkeit den pfälzer Gästen gegenüber beabsichtigt der Karlsruher Verkehrsverein, der Pfalz einen Gegenbesuch abzustatten..."

Dazu ist es dann auch wirklich gekommen...


Badische Presse
Aus der Landeshauptstadt
Karlsruhe, 23. Oktober 1922
Gestern morgen leuchteten die Sterne hoffnungsvoll am Firmament, als sich die Teilnehmer an der vom Verkehrsverein Karlsruhe veranstalteten Dankwanderfahrt nach St. Martin für den so zahlreichen Besuch der Pfälzer beim "Alemannisch-pfälzischen Sonntag" um 6 Uhr morgens am Bahnhof in großer Zahl einfanden. Und was die sternenglitzernde Nacht versprach, das hielt der kommende Tag, denn als der äußerst stark besetzte Sonderzug des Verkehrsvereins pünktlich den Bahnhof verließ und sich, was als besonders anerkennenswert hervorgehoben werden muß, wohldurchwärmt in schneller Fahrt über Blankenloch dem Rhein und Germersheim näherte und damit in die unter dem Joch der französischen Besatzung stehenden Pfalz einfuhr, stieg in wunderbarer Pracht und Schönheit die Sonne im Osten auf. Noch brauten die Nebel in der Ebene über den Wasserläufen und im Dunst verschwamm das Landschaftsbild, doch bald fegte der frische Morgenwind auch den letzten Nebelrest davon. Nach kurzem Aufenthalt in Landau ging die Fahrt weiter nach Edesheim, Edenkoben und Maikammer, dem Ziel des Sonderzuges.

Mit je zwei Führern setzten sich die einzelnen an der Wanderung teilnehmenden Gruppen von den genannten Orten aus in Bewegung nach der Kropsburg, dem allgemeinen Treffpunkt zu der vorgesehenen Dankesfeier. Die über Berg und Tal durch den Pfälzer Wald im Herbstkleid führenden Wege boten so recht Gelegenheit, sich ein Bild von den Schönheiten der Pfalz zu machen. Der Wald in seiner herbstlichen Färbung vom hellen Gelb der Kastanien bis zum dunklen Braun des Ahorn mit dem gefärbten Laub der Reben bot ein prächtiges Bild.

Nach einer Kostprobe vom "Neuen" mit gutem Frühstück und nach Ankunft auf der Kropsburg begann pünktlich um 1 Uhr die Dankesfeier. Der Karlsruher Liederkranz trug in bewährter Vollendung einen stimmungsvollen Chor vor. Darauf begrüßte zunächst der Vorsitzende der Ortsgruppe St. Martin des Pfälzer Waldvereins die Karlsruher Gäste herzlich und nannte sie die guten Freunde der Pfälzer, mit denen diese am "Alemannisch-pfälzischen Sonntag" schöne Stunden hätten verbringen dürfen. Er dankte nochmals für die freundliche Aufnahme auch seitens der Bevölkerung in Karlsruhe. Der "Alemannisch-pfälzische Sonntag" werde ein Denkmal in den Herzen eines jeden St. Martiners sein.

An Stelle des erkrankten 1. Vorsitzenden des Karlsruher Verkehrsvereins Herrn Stadtrat und Konsul Menzinger ergriff sodann der 2. Vorsitzende Herr Buchdruckereibesitzer Lang-Karlsruhe das Wort zu einer warmempfundenen Rede. Der Besuch in der Pfalz habe den Zweck, den Pfälzern die Grüße der Badener nicht in Worten, denn man müsse hier aus besonderen Gründen wohl etwas Zurückhaltung beobachten - sondern die allerherzlichsten Grüße persönlich zu dokumentieren für die schönen und erhebenden Stunden, welche Pfälzer und Badener am "Alemannisch-pfälzischen Sonntag" gemeinsam verleben durften. Der "Alemannisch-pfälzische Sonntag" sei ein Zeichen für die große Liebe, die Baden und die Pfalz verbinde. Mit dem Ausruf "Fröhliche Pfalz! Gott erhaltīs! Treudeutsch fürwahr jetzt und immerdar!" endete der Redner seine mit großem Beifall aufgenommene Ansprache.

Lina Sommer / 'Sommerfrau'. Relief im St. Martiner Dichterhain v. Wilhelm Kollmar aus Karlsruhe. Frau Dr. Schmitt trug sodann einen von der bekannten Pfälzer Mundartdichterin, Frau Lina Sommer, verfaßten Prolog vor, dessen Verse einen wahren Beifallssturm auslösten, der sich noch steigerte als der 1. Vorsitzende der Ortsgruppe Karlsruhe des Pfälzer Waldvereins, Herr Dr. E. Schmitt, den Rednerplatz betrat. Der 24. September, so führte Dr. Schmitt aus, habe sich zu einer machtvollen Kundgebung für das Deutschtum gestaltet. Er übergibt dann im Namen des Verkehrsvereins Karlsruhe der Ortsgruppe St. Martin des Pfälzer Waldvereins ein Gedenkblatt mit der Versicherung, daß der Name "St. Martin" unauslöschlich im Gedächtnis der Karlsruher eingegraben sei, und ferner vom Pfälzer Waldverein Karlsruhe eine Ehrenmappe, um seine Ausführungen mit dem Ruf: "Seid einig, einig, einig !" zu schließen. Als Gegengabe überreichte nunmehr die Ortsgruppe St. Martin des Pfälzer Waldvereins einen Martiner Ehrentrunk mit dem Wunsch, er möge wohl schmecken und noch besser bekommen.

Martin Jäger / 'Fritz Claus'. Relief im St. Martiner Dichterhain Unverhofft und darum umso wirkungsvoller sprach dann noch der greise Geheime Geistliche Rat und Stadtpfarrer von Edenkoben [Martin Jaeger / Fritz Claus], der seine Ausführungen folgendermaßen einleitete: "Man hat sich nur schwer entschließen können, mir außerprogrammmäßig das Wort zu erteilen aus Furcht, daß ich Sie vom Mittagessen zurückhalten würde. Aber was ich heute im Herzen trage, das muß heraus, sonst zerspringt der Schriftsteller und der Pfarrer und Sie wollen doch keinen Mord begehen. Aber nicht der Pfarrer redet, der geistliche Rat, sondern der Sänger des Pfälzer Waldes, dem man zum letzten Mal ein Denkmal setzte im Jahre 1907." Er stellt den Pfälzer Wald und seine Liebe zur Pfalz in den Vordergrund und schilderte seinen Anstrengungen, den Pfälzer Waldverein ins Leben zu rufen, dessen Gründer er ist. Darauf fand die stimmungsvolle Feier mit einem Musikstück ihr Ende. Es schloß sich ein gemeinsames Mittagessen auf der Kropsburg an.

Nahezu 1000 Personen nahmen an dem Dankbesuch in der Pfalz teil, außerdem waren Pfälzer aus allen Teilen in Gruppen und einzeln herbeigeströmt, um ihrer lebhaften Freude über den Besuch der Karlsruher Ausdruck zu verleihen. Die ganze Veranstaltung wurde durch französische Gendarmerie überwacht. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Die Rückfahrt der Teilnehmer erfolgte um 8 Uhr von Maikammer aus.
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