Der "Krumme Henrich"

Ein St. Martiner Original

Der Krumme Henrich, alias Heinrich Ziegler, den die älteren Jahrgänge noch kennen, wohnte in der Friedhofsstraße. Im heutigen Feuerwehrhaus hatte ihm die Gemeinde eine ständige Bleibe eingerichtet. In seinem Leben waren Armut und Hunger seine täglichen Begleiter. Dennoch setzte er immer ein verschmitztes Lächeln auf, so, als gehöre ihm die ganze Welt. Urwüchsige Schlagfertigkeit zeichnete ihn aus. So kam es, daß ihn seine Zeitgenossen scherzhaft "Dr. Henrich vun Made" nannten. Mit Lust lehrte er "verbildeten" Menschen das Staunen. Es war ihm fremd, um Mitleid zu werben. Den nötigen Respekt verschaffte er sich durch Nähren der Schadenfreude.

So geschah es einmal, daß unser Henrich an einem warmen Sommertag in Neustadt den Bummelzug nach Landau bestieg. Wie so oft war er nicht sorgfältig rasiert, roch nach schlechtem Tabak, und seine zerknitterte, verschlissene Hose schlotterte um die Knie. Im Abteil setzte er sich einer aufgeputzten, jungen Dame gegenüber, die mit gespreizten Fingern ihren kleinen Spitz streichelte. Als sie aber so recht ihren neuen Fahrgast gewahr wurde, musterte sie diesen naserümpfend und preßte mit beiden Händen ihr Hündchen fest an sich. Henrich machte sich nichts daraus. Wie oft schon hatte ihm das Leben übel gespielt. Sein "Gipsel" lag ihm mehr im Sinn. Neben anderen Dingen kramte er es aus der Hosentasche, stopfte Tabak hinein und schmauchte genüßlich. Er konnte auf viele Dinge verzichten, nur nicht auf das Pfeifenrauchen Jetzt genoß er es in vollen Zügen. Diese Lust sollte ihm bald vergehen.

"Nehmen Sie sofort die Pfeife aus dem Mund!" schrillte es zu ihm hinüber. "Ich kann denn Gestank nicht mehr aushalten. Haben Sie Mist hineingestopft? Was ist das für ein Zeug, das sie mir um die Nase blasen? Scheren Sie sich hinaus!" Henrich rappelte sich etwas empor und warf der Dame einen verächtlichen Blick zu. "Verrücktes Weib", brummte er in seinen Bart hinein. Dann zuckte er die Achseln, legte sich flach zurück und paffte seelenvergnügt weiter.

"Sie unverschämter, abgefeimter Kerl!" tobte das Mamsellchen. "Sie haben es darauf abgesehen, mich zu belästigen. Ich lasse Sie augenblicklich hinauswerfen!" Sie bebte vor Wut. Dann schnellte sie von ihrem Sitz, schnappte die Pfeife und warf sie zum offenen Fenster hinaus. Das war dem Henrich zuviel. Sein "Gipsel" gehörte zu ihm. Von allen Dingen war es ihm das liebste auf der Welt. Gelassen erhob er sich, ergriff den Hund am Genick und warf ihn zum Fenster hinaus.

"Sie...Sie...Sie...sind Sie verrückt geworden?" schrie Mamsellchen empört. Henrich zwinkerte und antwortete ruhig und gelassen, als sei nichts geschehen: "Jetzt ist das Spitzel beim Gipsel und das Gipsel beim Spitzel."
Mit einem Siegerlächeln setzte er sich seinen verbeulten Hut auf und tapste zur Wagentür, ohne umzublicken.

Cäcilie Ziegler
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