Die "Mademer Krabbe"

Expedition ins Tierreich

Seit eh und je nennt man uns die "Mademer Krabbe". Die Einheimischen wissen, wer oder was damit gemeint ist. Der Fremde jedoch rätselt herum.
Allgemein werden hier mit "Krabbe" die Raben bezeichnet, die der gute und gelehrte Tiervater Brehm "Corvus corax" nennt, sie als überaus "drollig und abrichtbar wie ein Hund" findet, aber glaubt, daß sie beim Zugestehen größerer Freiheiten sich regelmäßig derer unwürdig erweisen.
Dem Völkchen am Fuß des Hoch- und Breitenberges konnte wahrhaft nichts Schlimmeres passieren, als so räbisch angeschwärzt zu werden, was um so peinlicher und bedauerlicher ist, weil es dem Ansehen einer ganzen Gemeinde schadet. Gehört nicht eine gehörige Portion Galgenhumor dazu, den Vergleich mit dem Galgenvogel hinzunehmen und zu ertragen? Nur der Unkundige wird hinter vorgehaltener Hand sein verächtliches Lächeln zu verbergen suchen.
Dem Spötter aber, der hinter dem Rücken Lächerliches verbreiten möchte, sei allen Ernstes gesagt, daß der Rabe unter allen Vogelarten, was Intelligenz anbelangt, zu den "Primaten" zählt.
Schon in grauer Vorzeit haben die gefiederten Schwarzröcke Respekt und Ansehen genossen. Sie waren ständige Begleiter des Apoll und Gefährten des Sonnengottes Helios. Zwei Raben saßen als Götterboten und Ohrenbläser auf Odins Schultern und wisperten ihm Nachrichten aus aller Welt zu.
Kein Geringerer als der biblische Noah bediente sich beim ersten Landtest des todsicheren Instinkts, der Erfahrung und der ausgezeichneten Intelligenz dieses Vogels.
Leider wurde Noah von ihm im Stich gelassen. "So ein Rabenaas!" wird es manchem verächtlich entschlüpfen.
Vermutlich hat die damalige extreme Situation eine psychologische Dissonanz hervorgerufen. Wer weiß?
Dennoch hat der mächtige Imperator, der Kaiser Tiberius, die klügsten und witzigsten, sprücheklopfenden Vögel sammeln lassen. Im alten Florenz galt es als schick, Raben mit Glöckchen und Halsband durch die Paläste schreiten und Latein schwatzen zu lassen.
Wer immer noch an der Intelligenz der pechschwarzen Vögel zweifeln sollte, der muß sich belehren lassen, daß die Wissenschaft sich oft mit ihnen befaßt und zu der Feststellung gekommen ist, daß sie sogar mathematisch begabt sind. Mit sicherem Instinkt finden sie wieder ihren Futternapf, auch wenn er mit vielen anderen in einer Reihe steht.
 Karl Krächzer Mit verblüffender Bravour meistern sie die Kunst des Überlebens. Keineswegs fliehen sie vor der Realität. Ständig proben sie, welche ihrer Bewegungsweisen und stammesgeschichtlichen Verhaltensrelikte gewinnbringend aktiviert und eingesetzt werden können. Es bleibt dann nicht aus, daß größere Bereiche in der räbischen Umwelt buchstäblich erobert werden. Im Verein können sie sogar einem Bussard die Beute im Flug abjagen. Das ist nicht nur gefundenes Rabenfressen, das sind Fähigkeiten, die erkennen lassen, daß die gefiederten Schwarzfräcke keine Spottobjekte sind, sondern Glücksraben, die leben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.
Beschämt wird vielleicht der eine oder der andere, der die Raben lediglich in die Schar der Galgen- oder Pechvögel eingereiht hat, die Hand vor den Mund nehmen, weil er bisher die Menschen, die den Raben zum Symbol haben, nicht ernst genommen hat. Er sollte jetzt die Hand aufs Herz legen und seinen Irrtum bedauern.
Wem aber danach ist, der werfe einen intensiven Blick in das Dorf hinein und prüfe präzis, inwieweit Wesensart, Dynamik, Gemeinschaftssinn und Sozialverhalten sich mit dem des Symbols identifizieren.
In unserem Raum ist es üblich, einem Dorf oder einer Stadt einen Beinamen zu geben, der sozusagen die Wesensart der Bewohner festhält. Oft weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: die ausgezeichnete Psychologie, einen Ort durch eine einzige Aussage wahrheitsgetreu darzustellen oder den Mut zum offenen Bekenntnis.
Da gibt es: Die Bockstaller, Brüder, Langhälse, Seselmörder, die Wurschtzippel, die Gelbrüweschwänz, die Zwerchsäck und viele andere mehr.
Das sind unmißverständliche Bezeichnungen, die optische und akustische Reize überreich auslösen und auf die Eindeutigkeit der Aussage hinweisen.
Die St. Martiner führen ihren Beinamen auch auf einen "Krabbe" zurück. Das ist kein Rabe, sondern eine meist vierzinkige Hacke, die zum Bearbeiten der steilen Hänge einmal unentbehrlich war. "Krabbe" oder "Krabbe" sind Bezeichnungen, die gleich lauten, aber vom Inhalt her grundverschieden sind. Dennoch lassen sie sich recht harmonisch vereinigen.
Wenn nun die "Krabbe" mit dem "Krabbe" auf den steilen Höhen "kräbbeln", dann offenbaren sie Fähigkeiten, die Außenstehende geradezu in Erstaunen setzen. Sie werden beim näheren Betrachten neidlos gestehen müssen, daß nur die "Krabbe" mit dem "Krabbe" wahrhaft meisterlich mit psychischem und physischem Gleichgewicht, aber auch mit kulminierendem Intellekt umzugehen wissen. Das kommt daher, weil sie wie die Raben nach stammesgeschichtlichen Verhaltensrelikten und ihren eigenen Bewegungsweisen ihre Kräfte erfolgbringend aktivieren und einsetzen. Es bleibt dann nicht aus, daß ihr Umfeld mit dem Krabbe gleichsam erobert und mit einem Höchstmaß an Realitätsempfinden so bewirtschaftet wird, daß erstaunliche Erfolge und Gewinne erzielt werden.
Diese Kreativität findet ihren Widerhall, weil sie einen untrüglichen Sinn für Nähe und Beziehungen äußert.
So haben die Vögel, gemeint sind natürlich die Raben, die St. Martiner Geschichte mit ihrem Zauber erfüllt.

Cäcilie Ziegler

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