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[DIE RHEINPFALZ, 1972]

"Ausverkauf" zu Minipreisen?

Die Meinung des Lesers

red. St. Martin. Unter dem Titel "Quo vadis, St. Martin?" übermittelte uns Leserin C. Ziegler aus St. Martin folgendes Schreiben, das wir als Meinungsbeitrag veröffentlichen.

"Dem Vernehmen nach beabsichtigen unsere Gemeindevertreter, eine Million Quadratmeter Waldfläche an zwei Firmen zu veräußern. Die Käufer planen verschiedene Bauvorhaben und sind bereit, eine Mark für den Quadratmeter zu zahlen, wenn die Gemeinde die Nachfolgelasten trägt.

Es ist damit zu rechnen, daß der Verkauf in absehbarer Zeit getätigt wird und somit das reizvollste Waldgebiet am Stauweiher, das besonders an den Wochenenden vielen Erholungssuchenden aus dem Umkreis bis nach Ludwigshafen und Mannheim zum Ausspannen und Wandern dient, zu einem Minipreis in Privatbesitz übergeht. Der Entschluß wird mit gängigen Begriffen wie Finanzmisere und defizitärem Waldbesitz begründet. Dem gegenüber preist man die Vorteile, die sich aus dem Verkauf ergeben sollen, nämlich das Anwachsen des Fremdenverkehrs, Kurtaxe und höhere Steuergewinne. Schlicht gesagt: St. Martins Bevölkerung soll in den Genuß "besserer Lebensqualitäten" kommen.

Soll man den Verantwortlichen, die glauben, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, zu ihrer fortschrittlichen Erkenntnis gratulieren? Glaubt man allen Ernstes daran, einen übelstand beseitigen zu können, wenn man ein wertbeständiges Vermögen, das gleichzeitig wertvolle Flächenreserve, Wasserspeicher, Klimaregler und vieles mehr ist, zum Schleuderpreis veräußert? Nach dem Gesetz wird den Gemeindevertretern die Aufgabe zugewiesen, sich primär als Sachwalter für die Belange der Bevölkerung einzusetzen und zu betätigen. Es akzentuiert den demokratischen Verwaltungsstil, wenn sie bei einschneidenden Entscheidungen die Bürger befragen und mitbestimmen lassen.

Wahrscheinlich pflegen einige Gemeindevertreter wenig Kontakt mit der Bevölkerung. Sonst hätten sie schon längst erfahren, daß das Gros der Dorfbewohner über einen recht beachtlichen Grad an Befähigung zur Mitverantwortung verfügt und deshalb einen Waldverkauf ablehnt. Sie wissen, daß die Zukunft von wirtschaftlichen Wechselfällen beeinflußt wird und das Festhalten an wertbeständigem Vermögen sich meistens lohnt.

Sie gewinnen aber immer mehr den Eindruck, daß ihre "fortschrittlichen" Planer sie für unmündige hilflose Amateure halten, die von Vorurteilen und konservativen Denk- und Handlungsweisen endlich schmerzhaft kuriert werden müssen, indem man sie eines Tages ohne Information und Befragung vor vollendete und bedauerliche Tatsachen stellt. "

C. Ziegler

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